Wer legt fest, ab wann was sexistisch ist?

Erschienen bei den Ruhrbaronen am 13. April 2016

Bundesjustizminister Heiko Maas will sexistische Werbung verbieten. Unsere Gastautorin Susanne Schneider, Landtagsabgeordnete der FDP in NRW hält nichts von der Idee.

 

Zu den großen Aufgaben unseres Staates gehört es, die Bürger und Bürgerinnen zu schützen. Dies sollte etwa durch eine angemessene Polizeipräsenz oder die strikte Anwendung unserer bestehenden Gesetze gewährleistet werden.

 

Im Fall der Silvesternacht 2016 in Köln hat der Staat ohne Zweifel grundlegend versagt. Dutzende Männer – nach aktuellen Erkenntnissen der Polizei überwiegend nordafrikanischer und arabischer Herkunft – haben Frauen sexuell belästigt, gedemütigt und beklaut. Und die anwesende Polizei konnte keinen angemessenen Schutz bieten. Unfassbar! So etwas darf nie wieder vorkommen. Das Vertrauen in den Rechtsstaat muss wieder hergestellt werden, damit daraus keine dauerhafte Vertrauenskrise wächst.

 

Der Bundesjustizminister will nun als Reaktion auf die sexuellen Übergriffe in Köln Werbung verbieten, bei der Männer oder Frauen in sexy Posen zu sehen sind. So soll ein modernes Geschlechterbild in Deutschland etabliert werden. Wie bitte? Ja, richtig gelesen! Das ist der verquere Ansatz von Heiko Maas. Frauen sollen also künftig auf Plakaten verhüllt werden, damit Männer nicht übergriffig werden. Denn letztlich unterstellt Heiko Maas mit seinem Vorstoß Männern genau das: allein durch nackte Haut auf einem Werbeplakat, die Kontrolle über sich zu verlieren. Dieser Logik will und werde ich nicht folgen.

 

Als Frau und Freidemokratin lehne ich jede Form der Diskriminierung mit absolutem Nachdruck ab. Aber dass der Staat uns Bürgerinnen und Bürgern nun per Werbe-Verbot zwangserziehen will, geht mir entschieden zu weit. Das ist der nächste Schritt auf dem Weg der Entmündigung. Denn ganz offensichtlich hat der Staat Null Zutrauen in die Verbraucherinnen und Verbrauchern. Dass sie selbst entscheiden können, ob sie sich für oder gegen ein Produkt entscheiden – auch wegen Werbung für ein Produkt, die sie schlecht oder sexistisch finden, scheint sämtliche Vorstellungskraft zu sprengen. Das ist bitter. Wir Freien Demokraten trauen den Menschen in unserem Land Eigenverantwortung zu. Die Bürgerinnen und Bürger können frei entscheiden – etwa ein beworbenes Produkt ganz einfach nicht zu kaufen. Und bei manchen Produkten wird das Marketing dann künftig eingestellt, denn für BHs oder Bademoden müsste ein Verbot ja per se gelten. Da gibt’s definitiv viel nackte Haut zu sehen.

 

Und was ist künftig mit dem Pferdepfleger der für einen Sekt wirbt, dem Fensterputzer, der uns zum Konsum eines koffeinhaltigen Kalt-Getränkes animieren möchte oder mit dem durchtrainierten Herrn, der beim Sprung in kaltes Wasser davon überzeugen soll, dass nichts besser duftet als diese frische Brise? Würde das alles der Maas‘schen Zensur zum Opfer fallen?

Wer legt fest, ab wann was sexistisch ist? Ein durchgegenderter Arbeitskreis? Und nach welchen Kriterien erfolgt die Verhüllung? Was ist sexistisch, was künstlerische Freiheit und was Satire? Wird dann auch für die Aktfiguren aus der Antike in den Museen oder die nackten Barock-Engel in Kirchen eine Kommission gebildet, die zum Ortstermin ausrückt und Figuren bekleidet oder übermalt?

 

Was soll als nächstes auf die Verbotsliste gesetzt werden? Sollen sich Frauen künftig nur noch als „Tunika-Oasen“ in der Öffentlichkeit zeigen? Brauchen wir einen Erlass, wie tief man bei einem Dekolleté blicken darf, eine Art „Dirndl-DIN-Ausschnitts Norm“? Dann wird es sicher nicht lange dauern, bis ich künftig per Body-„Maas“-Index auch meine persönliche Rocklänge vorgeschrieben bekomme. Ich persönlich finde es wunderschön, wenn die Rocklänge nicht umgekehrt proportional zum Oberschenkelumfang ist, Peter Paul Rubens oder Fernando Botero sahen dies bekanntermaßen ganz anders. Was zeigt: Guter Geschmack lässt sich nicht gesetzlich verordnen.

Daran sollte sich der Justizminister erinnern, bevor er sich zum Moralapostel der Nation stilisiert. Statt als Spießer der Großen Koalition zu fungieren, sollte er lieber für die Stärkung unserer freiheitlichen Werteordnung kämpfen.